Respekt!

Freikæmpfer

 
Es ist gar nicht so lange her, da habe ich mir vorgenommen diesen Artikel zu schreiben. Es ist gar nicht so lange her, da habe ich es erneut erlebt. Mittlerweile scheint es zu meinem Alltag geworden zu sein, mit dieser Thematik umzugehen. Anscheinend muss ich das auch. Anscheinend ist es in meinem sozialen Umfeld vollkommen normal, das diese Thematik gar keine Rolle spielt. Anscheinend gehen alle davon aus, das diese Thematik selbstverständlich sei. Das sie es jedoch nicht ist, zeigt sich nicht gerade selten. Eher häufig. Genauso wie z.b. die antisexistische Praxis. In der Theorie selbstverständlicher Teil einer linken Politik. In der Praxis oft nur unwichtige Nebenangelegenheit. Ebenso scheint es mit dem Thema "Respekt" zu geschehen.

Frage eine linke Person nach »Respekt«. Zwar kann ich hier nicht sagen, welche Antwort wahrscheinlich ist, aber die Antwort könnte dennoch überraschen. Es heißt immer »Solidarität« und zusammen kämpfen. Es heißt immer »Autorität« und »Hierarchie« abschaffen. »So etwas brauchen wir nicht!« Wenn das doch nur mit der Realität übereinstimmen würde. Nicht selten bekomme ich den Eindruck, das Worte wie »Respekt« und »Organisation« mit der selben Bedeutung unterfüttert werden wie die Worte »Autorität« und »Hierarchie«.

Innerhalb der politischen Gruppe, in der ich aktiv bin, bin ich einer der wenigen, der über ein Auto verfügt. Nicht selten fahre ich die Genoss_innen nach Aktionen, Parties, Plenas oder anderen Treffen bis vor die Haustür. Auch ist es nicht selten, das ich die Genoss_innen abhole oder beim Transport von größeren Gegenständen helfe. All das mache ich auch gerne, gar keine Frage. Wenn dann aber grundsätzlich davon ausgegangen wird, das ich die Genoss_innen abholen oder nach Hause fahren kann, wird es kritisch. Wenn nicht einmal gefragt wird, sondern einfach davon ausgegangen wird, das ich es mache. In solchen Situationen fühle ich mich dann nicht nur Instrumentalisiert, sondern auch Fremdbestimmt und nicht Respektiert. Die Genoss_innen bestimmen darüber, wann ich nach Hause komme und wieviel Zeit ich zu investieren habe. Wird es angesprochen, folgen lange Gesichter mit einem großen Fragezeichen, Unverständnis und die Frage »Warum?« bzw. »Was ist denn jetzt los?«.

Wenn wir auf einer Demo eine Bezugsgruppe sind, und zwei Genoss_innen stets die Richtung angeben und sagen »Wir müssen hier entlang!« oder einfach vor gehen, ohne zuvor etwas zu kommunizieren. Wird es angesprochen, heißt es dann »Jetzt sei mal nicht so Autoritär!«. Und wenn die Bezugsgruppe dann mitten im schwarzen Block steht und sich darüber streitet, mit dem Block zu ziehen, oder einen anderen Weg zu gehen. Anstatt zu sagen »Wir teilen uns und bleiben in Kontakt!« wird von Genoss_innen versucht, ihre Ansicht den anderen aufzuzwingen und ihren Weg durchzusetzen. Wird es angesprochen, heißt es dann »Darf ich meine Meinung etwa nicht mehr sagen?«

Wenn wir im Plenum sitzen und, wie immer, auf eine Redeliste verzichten. Dann sich einzelne Genoss_innen aber über den Grundkonsens »Ich lasse andere Aussprechen« hinwegsetzen und anderen Genoss_innen ins Wort fallen oder sie gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Wird es angesprochen, heißt es dann »Oohh...Tut mir Leid das ich etwas dazu sagen wollte!«

All diese Beispiele dürften wohl den ein und anderen Menschen bekannt sein. Vielleicht erleben einige solche Situationen sogar alltäglich. Vielleicht fassen einige diese Beispiele unter Überbegriffe wie »Mackertum« oder »systemimmanente Kackscheiße«. Der Begriff, unter den ich all diese Situation fasse ist »Respekt«. Und damit meine ich nicht den »autoritären Respekt« der z.b. in hierarchischen Organisationen wie Polizei oder Bundeswehr herrscht. Hier spreche ich von einer Form von »Respekt« bei dem es einfach darum geht, das Individuum zu achten. »Respekt« wird viel zu oft nur in Verbindung mit genannten hierarchischen Organisationen betrachtet, um die Person, die ihn fordert, als »Autoritär« und »Hierarchisch« abzustempeln. Personen, die »Respekt« fordern, werden dann oft verspottet und lächerlich gemacht. Es wird dann immer darauf verwiesen, wie Antiautoritär die Plenumsstrukturen doch seien oder das die Gruppe doch so politisch fortschrittlich ist, das eine Redeliste nicht gebraucht wird. Nicht selten wird dann auf, vorallem, anarchistische Gruppierung verwiesen, dessen Plenumsstrukturen doch »total autoritär« seien. Grund für diese Annahme sei das nicht-chaotische Plenum jener Gruppierungen. Hierbei wird aber dann davon ausgegangen, das eine Redeleitung die Tagesordnung »durchpeitscht« um damit den Eindruck von produktivität zu erzeugen.

Meine Eltern brachten mir schon bei, ich solle Respekt vor anderen Menschen haben. Mit meiner politisierung veränderte sich das ganze insoweit, das ich den autoritären Respekt verlor. Also keinen Respekt mehr aufgrund von Uniform, Abzeichen oder Position hatte, sondern Respekt vor Menschen, weil sie etwas tun oder getan haben, dessen ich zustimmen kann. Vor Menschen an und für sich habe ich auch einen gewissen Grund-Respekt, welcher mich dazu führt, Menschen nicht zu verletzen oder in anderer Art und Weise verbal oder non-verbal anzugreifen. Dieser Grund-Respekt bildet, meines Erachtens, das Fundament einer jeden zwischenmenschlichen Beziehung. Sogar Polizeibeamt_innen bringe ich diesen Grund-Respekt entgegen. Dies gilt jedoch nur solange, wie die Polizeibeamt_innen sich nicht einmischen. Sobald sie beginnen, z.b. auf Demos, Menschen zu verhaften oder die Demo anhalten o.ä. ist dieser Grund-Respekt verwirkt was dann auch dazu führen kann, das ich Polizeibeamt_innen nicht mehr als Menschen, sondern als Gegenstände betrachte.

Im Allgemeinen mache ich etwas, von dem ich mir wünsche, das es auch viele andere machen würden: Ich lasse Menschen in Ruhe! Menschen sind frei geboren und sie haben auch das Recht frei zu bleiben.
Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. - Albert Camus





So, bzw. so ähnlich, sehe ich die Sache mit der Freiheit. Denn für mich sind Freiheit und Respekt untrennbar vereint. Ich kann nicht frei sein, wenn es auch nur einen Menschen gibt, der mich bestimmt oder auch nur drängt. Auch kann ich nicht frei sein, wenn ich andere Menschen bestimme oder bedränge. Freiheit kann nur Kollektiv bestehen und ein solches Kollektiv kann nur bestehen, wenn die Menschen sich achten und respektieren.

Ein anderen Punkt, auf den ich noch getrennt eingehen möchte:
Zunächst muss ich hierzu sagen, das Eigentum eine Form von Diebstahl ist. Zu dieser Ansicht bin ich gelangt, weil Eigentum immer bedeutet, das eine Gruppe von Menschen oder Einzelpersonen über Dinge(Ressourcen, Produktionsmittel, etc. etc.) verfügen und andere eben nicht. Dadurch findet eine Trennung zwischen Menschen statt. Und das läuft einer klassenlosen, solidarischen Gemeinschaft zuwider. Das ganz kurz. Besitz hingegen ist etwas, das immer bestehen wird. In der systemimmanenten Rechtsprechung wird "Besitz" im Grunde als nicht kontinuierlich begriffen. Ein Mensch kann somit Besitzer_in von allem werden, was er/sie in Händen hält oder direkten Einfluss darauf nimmt bzw. nehmen kann. Dadurch findet keine Trennung von Menschen statt. Hierbei setzt ein Stück meiner Ideologie an. Um auf mein erstes Beispiel von oben zurückzugreifen: Ich besitze ein Auto, denn ich habe Zugriff auf die Schlüssel. Wenn andere Personen in meinem Auto mit fahren, bitte ich die Personen stets darum, im Auto nicht zu Essen oder Getränke(Wasser ausgenommen) zu konsumieren. Die Motivation hierbei liegt in der Pflege des Autos begründet. Wenn in meinem Auto z.b. Bier verschüttet wird, ist es ein großer Aufwand das Bier aus dem Sitzpolster oder den Boden zu entfernen. Der Geruch bleibt noch einige Zeit länger. Auch wenn z.b. Mayonnaise vom Sandwich o.ä. auf das Sitzpolster tropft, ist der Aufwand zur Reinigung ebenfalls nicht gering. In der Regel ist es so, das wenn ich diese Bitte ausspreche, zwar das Getränk oder das Essen weggepackt wird, es aber dann zu Unmutsäußerungen kommt wie z.b. das ich Autoritär sei. Dabei möchte ich lediglich Arbeit ersparen. Ob nun mir oder einer anderen Person. Auch bei anderen Besitztümern von mir, fordere ich einen gewissen Umgang. Um ein immer wiederkehrendes, kleinliches Beispiel zu nennen: Wenn ich z.b. auf einer Versammlung o.ä. bin und mein Mäppchen offen liegen lasse, so vertraue ich darauf, das andere mir entweder Bescheid sagen, das sie sich z.b. den Permanentmarker nehmen oder, wenn ich nicht in der Nähe bin, ihn nach gebrauch wieder zurück legen. Auch hierbei gilt für mich das Argument der Mehrarbeit. Es ist überhaupt kein Problem, das andere Menschen sich einen Permanentmarker aus meinem Besitz entnehmen. Das Problem liegt darin begründet, das der Permanentmarker in den meisten Fällen verloren geht, austrocknet da die Kappe offen gelassen wird oder anderweitig danach nicht mehr verwendbar ist. Wenn ich Personen auf diesen Sachverhalt anspreche, wird mir auch hier Autorität unterstellt und ich werde verspotten und lächerlich gemacht. In einem Fall wurde mir von einem Menschen(ich nannte ihn einst Genosse) mehrere sexistische Bilder auf meine Unterlagen gezeichnet. Andere Genoss_innen, welche dabei saßen, ließen ihn machen. Erst über einige Ecken konnte ich herausfinden, wer für diese »Bildchen« verantwortlich ist.

Es mag zwar sein, das der Ausspruch »Was nicht willst, das dir man tu, füg auch niemand andern zu!" nicht ganz stimmt. Aber es sollte immerhin der individuele Freiraum von Personen geachtet werden. Und wenn das eben Bedeutet, das ich gerne wissen möchte, wo die Utensilien, welche ich verwalte, geblieben sind und ich dafür sorgen möchte, das sie auch weiterhin von anderen Genoss_innen genutzt werden können, dann erwarte ich von allen Genoss_innen, das diese, meine individuele Freiheit, geachtet wird. Wenn dem nicht so ist, möchte ich bei Einzelpersonen sogar so weit gehen und sie als systemimmanente Marionetten bezeichnen, welche sich in ihrer konterrevolutionären Rolle gefallen und keinen Grund für eine verbesserung der Umstände sehen.

Kommentare und eigene Meinung zu oben beschriebenen Sachverhalt von anderen Personen interessiert mich sehr! Bitte tut Euch keinen Zwang an postet Kommentare.



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Weblog: topsy.com
Aufgenommen: Sep 06, 21:38

Kommentare
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1
Kenne ich nur zu gut und kann ich so auch nur unterschreiben.
Sören (Antwort) am Sonntag, 5. September 2010
2
Wow, also... Da spricht mir endlich mal jemand so was von von der Seele. Dachte immer, dass ich der einzige bin der so denkt und hab schon überlegt mich als "Spießer" abzuschreiben.

Wenn ich jmd. ne CD ausleihe tu ich das gerne, hätte sie dann aber auch gerne unbeschadet zurück. Es gibt "Eigentum an den Produktionsmitteln" (welches scheiße ist) und das "eigene Eigentum" (also mein Auto, meine CD etc.). Letzteres gilt es zu respektieren.

Die Menschen sollten so oder so respektiert werden, ich finde, dass ein höflicher und respektvoller Umgang miteinander keine Autorität oder eine Einschränkung der Freiheit darstellt und eben so wenig spießig wie nötig ist! Ich bestehe halt darauf, dass man mich immer höflich behandelt und gewisse Verhaltensregeln immer einhält (z.B. Danke und Bitte sagen, das sind so Dinge die wirklich nicht zu viel verlangt sind...)

Weiter so!
(Antwort) am Dienstag, 7. September 2010
2.1
Nicht das irgendwelche Missverständnisse aufkommen:
Ich spreche in meinem Blog-Post nicht von privatem Eigentum. Denn auch das ist eine Form von Diebstahl, da dieses "Eigentum" faktisch nicht allen Zugänglich ist und es Beschränkungen unterliegt. Beim Besitz ist das nicht so. Das sind einfach zwei Begrifflichkeiten die getrennt werden müssen. Und ansonsten spreche ich auch nicht von Dingen, die mir "gehören" sondern von Dingen, die ich "verwalte". Aufgrund dessen erwarte ich von Genoss_innen dann auch nicht, das sie "mein Eigentum" respektieren sondern die Gegenstände an und für sich nicht beschädigen und somit Respekt dem gesamten Kollektiv gegenüber zeigen. Zudem finde ich nicht, das Eigentum(egal welches) respektiert werden sollte. Denn es ist eine Art von Diebstahl, wie ja beschrieben. Ein höflicher und respektvoller Umgang dürfte von niemenschen zu viel verlangt sein, da stimme ich dir zu. Dennoch ist es nichts, worauf mensch beharren kann. Schließlich hat die andere Person ja auch eine individuelle Freiheit die es zu achten gilt. Eine Möglichkeit bei solchen Situationen wäre schlicht weg die Interaktion abzulehnen.
(Antwort) am Donnerstag, 9. September 2010
3
Hey,
wenn alle sich an den Satz "was du nicht willst, das man dir tu..." halten würden, bräuchte man in der Tat die ganzen Regeln nicht. Dann wäre das Abgrenzen des eigenen Besitzes nicht erforderlich sondern jeder würde das Eigentum des anderen ebenso respektieren wie sein eigenes.
Leider sind die Menschen nicht so.
Schau dir die Tiere an, dann verstehst du, wie die Menschen sind. Letzten Endes wollen sie die Strukturen und Regeln, ja Hierarchien, auch wenn es noch so traurig ist. Du schreibst es selbst, wenn bei der Demo zwei voran gehen, reihen sich die anderen entweder ein und latschen hinterher oder sie widersetzen sich, weil sie diejenigen sein wollen, die vorangehen. In der Tierwelt nennt man das ranghoch oder rangniedrig. Manche sind glücklich damit, sich hinten einzureihen und dem anderen hinterherzudackeln, Verantwortung abzugeben und sich leiten zu lassen. Dann fühlen sie sich sicher, weil sie den Rahmen kennen. Nimmt man ihnen die Führung, werden sie unsicher oder versuchen, die Lücke zu schließen, indem sie selbst die Leitung übernehmen, obwohl sie der Sache nicht gewachsen sind. Das endet mit Stress und Unzufriedenheit.
Der Wunsch nach Abschaffung der Hierarchien ist verständlich, viel angenehmer wäre es, wenn jeder selbst Verantwortung übernehmen würde und die anderen mit dem selben Respekt behandelt, den er auch entgegengebracht haben möchte. Leider taugen die meisten Säugetiere nicht dafür und ich befürchte, der Mensch auch nicht.
Es gibt leider zu viele dumme Menschen auf der Welt, denen es ausreicht, sich von RTL2 beriesel zu lassen und das nachzuplappern, was in der Bildzeitung steht. Die wollen es nicht anders und fühlen sich wohl in ihrer kleinen Welt, deren Grenzen sie klar erkennen können und auch gar nicht den Wunsch haben, diese zu durchbrechen. Das tägliche Jammern über ihre Welt gehört zum Wohlbefinden dazu, glaube ich manchmal. Reiß diese Leute aus ihrer kleinen Welt heraus und sie finden sich nicht mehr zurecht. Nimm ihnen die Regeln, und sie wissen sich nicht mehr zu benehmen.

Und das Traurige ist, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf die Kreise der Dummen beschränkt. Bist du nicht autoritär, so gehen auch die Leute, die sich eigentlich anderes auf ihre Fahnen geschrieben haben, respektlos mit dir, deiner Zeit und deinem Eigentum um. Damit zeigen sie, dass sie mit der Abwesenheit von Regeln und Hierarchie offenbar nicht umgehen können.
(Antwort) am Samstag, 8. Januar 2011

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