Sep 5: Respekt!
Frage eine linke Person nach »Respekt«. Zwar kann ich hier nicht sagen, welche Antwort wahrscheinlich ist, aber die Antwort könnte dennoch überraschen. Es heißt immer »Solidarität« und zusammen kämpfen. Es heißt immer »Autorität« und »Hierarchie« abschaffen. »So etwas brauchen wir nicht!« Wenn das doch nur mit der Realität übereinstimmen würde. Nicht selten bekomme ich den Eindruck, das Worte wie »Respekt« und »Organisation« mit der selben Bedeutung unterfüttert werden wie die Worte »Autorität« und »Hierarchie«.
Innerhalb der politischen Gruppe, in der ich aktiv bin, bin ich einer der wenigen, der über ein Auto verfügt. Nicht selten fahre ich die Genoss_innen nach Aktionen, Parties, Plenas oder anderen Treffen bis vor die Haustür. Auch ist es nicht selten, das ich die Genoss_innen abhole oder beim Transport von größeren Gegenständen helfe. All das mache ich auch gerne, gar keine Frage. Wenn dann aber grundsätzlich davon ausgegangen wird, das ich die Genoss_innen abholen oder nach Hause fahren kann, wird es kritisch. Wenn nicht einmal gefragt wird, sondern einfach davon ausgegangen wird, das ich es mache. In solchen Situationen fühle ich mich dann nicht nur Instrumentalisiert, sondern auch Fremdbestimmt und nicht Respektiert. Die Genoss_innen bestimmen darüber, wann ich nach Hause komme und wieviel Zeit ich zu investieren habe. Wird es angesprochen, folgen lange Gesichter mit einem großen Fragezeichen, Unverständnis und die Frage »Warum?« bzw. »Was ist denn jetzt los?«.
Wenn wir auf einer Demo eine Bezugsgruppe sind, und zwei Genoss_innen stets die Richtung angeben und sagen »Wir müssen hier entlang!« oder einfach vor gehen, ohne zuvor etwas zu kommunizieren. Wird es angesprochen, heißt es dann »Jetzt sei mal nicht so Autoritär!«. Und wenn die Bezugsgruppe dann mitten im schwarzen Block steht und sich darüber streitet, mit dem Block zu ziehen, oder einen anderen Weg zu gehen. Anstatt zu sagen »Wir teilen uns und bleiben in Kontakt!« wird von Genoss_innen versucht, ihre Ansicht den anderen aufzuzwingen und ihren Weg durchzusetzen. Wird es angesprochen, heißt es dann »Darf ich meine Meinung etwa nicht mehr sagen?«
Wenn wir im Plenum sitzen und, wie immer, auf eine Redeliste verzichten. Dann sich einzelne Genoss_innen aber über den Grundkonsens »Ich lasse andere Aussprechen« hinwegsetzen und anderen Genoss_innen ins Wort fallen oder sie gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Wird es angesprochen, heißt es dann »Oohh...Tut mir Leid das ich etwas dazu sagen wollte!«
All diese Beispiele dürften wohl den ein und anderen Menschen bekannt sein. Vielleicht erleben einige solche Situationen sogar alltäglich. Vielleicht fassen einige diese Beispiele unter Überbegriffe wie »Mackertum« oder »systemimmanente Kackscheiße«. Der Begriff, unter den ich all diese Situation fasse ist »Respekt«. Und damit meine ich nicht den »autoritären Respekt« der z.b. in hierarchischen Organisationen wie Polizei oder Bundeswehr herrscht. Hier spreche ich von einer Form von »Respekt« bei dem es einfach darum geht, das Individuum zu achten. »Respekt« wird viel zu oft nur in Verbindung mit genannten hierarchischen Organisationen betrachtet, um die Person, die ihn fordert, als »Autoritär« und »Hierarchisch« abzustempeln. Personen, die »Respekt« fordern, werden dann oft verspottet und lächerlich gemacht. Es wird dann immer darauf verwiesen, wie Antiautoritär die Plenumsstrukturen doch seien oder das die Gruppe doch so politisch fortschrittlich ist, das eine Redeliste nicht gebraucht wird. Nicht selten wird dann auf, vorallem, anarchistische Gruppierung verwiesen, dessen Plenumsstrukturen doch »total autoritär« seien. Grund für diese Annahme sei das nicht-chaotische Plenum jener Gruppierungen. Hierbei wird aber dann davon ausgegangen, das eine Redeleitung die Tagesordnung »durchpeitscht« um damit den Eindruck von produktivität zu erzeugen.
Im Allgemeinen mache ich etwas, von dem ich mir wünsche, das es auch viele andere machen würden: Ich lasse Menschen in Ruhe! Menschen sind frei geboren und sie haben auch das Recht frei zu bleiben.
Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. - Albert Camus
So, bzw. so ähnlich, sehe ich die Sache mit der Freiheit. Denn für mich sind Freiheit und Respekt untrennbar vereint. Ich kann nicht frei sein, wenn es auch nur einen Menschen gibt, der mich bestimmt oder auch nur drängt. Auch kann ich nicht frei sein, wenn ich andere Menschen bestimme oder bedränge. Freiheit kann nur Kollektiv bestehen und ein solches Kollektiv kann nur bestehen, wenn die Menschen sich achten und respektieren.
Ein anderen Punkt, auf den ich noch getrennt eingehen möchte:
Zunächst muss ich hierzu sagen, das Eigentum eine Form von Diebstahl ist. Zu dieser Ansicht bin ich gelangt, weil Eigentum immer bedeutet, das eine Gruppe von Menschen oder Einzelpersonen über Dinge(Ressourcen, Produktionsmittel, etc. etc.) verfügen und andere eben nicht. Dadurch findet eine Trennung zwischen Menschen statt. Und das läuft einer klassenlosen, solidarischen Gemeinschaft zuwider. Das ganz kurz. Besitz hingegen ist etwas, das immer bestehen wird. In der systemimmanenten Rechtsprechung wird "Besitz" im Grunde als nicht kontinuierlich begriffen. Ein Mensch kann somit Besitzer_in von allem werden, was er/sie in Händen hält oder direkten Einfluss darauf nimmt bzw. nehmen kann. Dadurch findet keine Trennung von Menschen statt. Hierbei setzt ein Stück meiner Ideologie an. Um auf mein erstes Beispiel von oben zurückzugreifen: Ich besitze ein Auto, denn ich habe Zugriff auf die Schlüssel. Wenn andere Personen in meinem Auto mit fahren, bitte ich die Personen stets darum, im Auto nicht zu Essen oder Getränke(Wasser ausgenommen) zu konsumieren. Die Motivation hierbei liegt in der Pflege des Autos begründet. Wenn in meinem Auto z.b. Bier verschüttet wird, ist es ein großer Aufwand das Bier aus dem Sitzpolster oder den Boden zu entfernen. Der Geruch bleibt noch einige Zeit länger. Auch wenn z.b. Mayonnaise vom Sandwich o.ä. auf das Sitzpolster tropft, ist der Aufwand zur Reinigung ebenfalls nicht gering. In der Regel ist es so, das wenn ich diese Bitte ausspreche, zwar das Getränk oder das Essen weggepackt wird, es aber dann zu Unmutsäußerungen kommt wie z.b. das ich Autoritär sei. Dabei möchte ich lediglich Arbeit ersparen. Ob nun mir oder einer anderen Person. Auch bei anderen Besitztümern von mir, fordere ich einen gewissen Umgang. Um ein immer wiederkehrendes, kleinliches Beispiel zu nennen: Wenn ich z.b. auf einer Versammlung o.ä. bin und mein Mäppchen offen liegen lasse, so vertraue ich darauf, das andere mir entweder Bescheid sagen, das sie sich z.b. den Permanentmarker nehmen oder, wenn ich nicht in der Nähe bin, ihn nach gebrauch wieder zurück legen. Auch hierbei gilt für mich das Argument der Mehrarbeit. Es ist überhaupt kein Problem, das andere Menschen sich einen Permanentmarker aus meinem Besitz entnehmen. Das Problem liegt darin begründet, das der Permanentmarker in den meisten Fällen verloren geht, austrocknet da die Kappe offen gelassen wird oder anderweitig danach nicht mehr verwendbar ist. Wenn ich Personen auf diesen Sachverhalt anspreche, wird mir auch hier Autorität unterstellt und ich werde verspotten und lächerlich gemacht. In einem Fall wurde mir von einem Menschen(ich nannte ihn einst Genosse) mehrere sexistische Bilder auf meine Unterlagen gezeichnet. Andere Genoss_innen, welche dabei saßen, ließen ihn machen. Erst über einige Ecken konnte ich herausfinden, wer für diese »Bildchen« verantwortlich ist.
Es mag zwar sein, das der Ausspruch »Was nicht willst, das dir man tu, füg auch niemand andern zu!" nicht ganz stimmt. Aber es sollte immerhin der individuele Freiraum von Personen geachtet werden. Und wenn das eben Bedeutet, das ich gerne wissen möchte, wo die Utensilien, welche ich verwalte, geblieben sind und ich dafür sorgen möchte, das sie auch weiterhin von anderen Genoss_innen genutzt werden können, dann erwarte ich von allen Genoss_innen, das diese, meine individuele Freiheit, geachtet wird. Wenn dem nicht so ist, möchte ich bei Einzelpersonen sogar so weit gehen und sie als systemimmanente Marionetten bezeichnen, welche sich in ihrer konterrevolutionären Rolle gefallen und keinen Grund für eine verbesserung der Umstände sehen.
Kommentare und eigene Meinung zu oben beschriebenen Sachverhalt von anderen Personen interessiert mich sehr! Bitte tut Euch keinen Zwang an postet Kommentare.

Aufgenommen: Sep 06, 21:38